Teil 1: Warum kostet Strom eigentlich so viel?
Eine Kilowattstunde Strom kostet derzeit rund 37 Cent. Die Überraschung steckt nicht in dieser Zahl, sondern in ihrer Aufteilung: Nur etwa 15 Cent davon bezahlen Sie für den Strom selbst. Der größere Teil entfällt auf das Netz, auf Steuern und auf Abgaben. Was steckt dahinter, und was bedeutet das für die eigene Rechnung?
Kurz zur Einordnung, weil dieser Begriff gleich häufiger fällt: Eine Kilowattstunde ist keine Leistung, sondern eine Energiemenge. Sie entspricht etwa einem Gerät mit 1.000 Watt, das eine Stunde lang läuft, also zum Beispiel einem kleinen Heizlüfter.
Wie sehr der Strompreis ins Gewicht fällt, zeigen zwei Haushalte, die uns durch diese Reihe begleiten werden. Familie Berg wohnt zur Miete in einer Stadtwohnung mit einem Balkon nach Süden und verbraucht rund 2.800 Kilowattstunden im Jahr. Familie Sommer lebt im eigenen Reihenhaus am Stadtrand, mit Dach und Stellplatz, und kommt auf etwa 4.200 Kilowattstunden. Bei rund 37 Cent je Kilowattstunde zahlt Familie Berg damit gut 1.000 Euro im Jahr, Familie Sommer rund 1.600. Zwei sehr unterschiedliche Haushalte, dieselbe Frage: wofür eigentlich?
Diese rund 37 Cent verteilen sich auf drei Blöcke. Etwa 15 Cent sind der Strom selbst, also seine Beschaffung am Markt und der Vertrieb durch den Anbieter samt dessen Gewinn. Knapp 9 Cent sind Netzentgelte, die Gebühr für die Nutzung der Leitungen. Und rund 13 Cent sind Steuern, Abgaben und Umlagen.
Und hier liegt schon die wichtigste Erkenntnis dieses Beitrags. Nur der erste Block, gut 40 Prozent, steht überhaupt im Wettbewerb. Die übrigen knapp 60 Prozent stehen fest, ganz gleich, bei welchem Anbieter man ist. Ein Tarifwechsel kann sich lohnen, aber er bewegt nur den kleineren Teil. An den großen, festen Block kommt er nicht heran.
Warum ist das Netz so teuer? In Deutschland liegen weit über eine Million Kilometer Stromleitungen, die betrieben, gewartet und erneuert werden müssen. Das Netz verändert sich zurzeit stark: Es muss Strom aus immer mehr Regionen transportieren, größere Schwankungen ausgleichen und viele neue Erzeugungsanlagen aufnehmen, von großen Windparks bis zu Solaranlagen auf Hausdächern. Deshalb wird es in großem Umfang erneuert und erweitert, etwa mit der rund 700 Kilometer langen Leitung SuedLink, die den Norden mit dem Süden verbindet. Allein für den Ausbau des Verteilnetzes rechnet die Bundesnetzagentur mit Investitionen von mehr als 42 Milliarden Euro bis 2032, und diese Kosten kommen am Ende über die Netzentgelte wieder herein. Weil die Netze regional unterschiedlich teuer sind, zahlt Familie Sommer am Stadtrand übrigens oft etwas mehr je Kilowattstunde als Familie Berg mitten in der Stadt.
Beim Netzentgelt steckt noch eine zweite Überraschung. Man zahlt es dafür, dass man das Netz benutzt, nicht dafür, wie weit der Strom gereist ist. Das hängt mit einer Eigenheit zusammen, die viele verblüfft: Strom aus der Steckdose lässt sich nicht nach Herkunft sortieren. Durch Ihre Leitung fließt immer derselbe physikalische Mix, ganz gleich, welchen Tarif Sie gewählt haben. Ein Öko- oder Regionaltarif bedeutet deshalb nicht, dass plötzlich anderer Strom durch Ihre Leitung kommt. Sie unterstützen damit ein anderes Beschaffungs- und Erzeugungsmodell, was durchaus sinnvoll sein kann, an Ihrem Netzentgelt aber nichts ändert. Bezahlt wird die Leitung, nicht die Entfernung.
Der dritte Block, die Steuern und Abgaben, setzt sich aus mehreren Posten zusammen: der Stromsteuer von rund zwei Cent, der Konzessionsabgabe, die direkt an die eigene Kommune dafür geht, dass Leitungen öffentliche Wege nutzen, einigen kleineren Umlagen und der Mehrwertsteuer von 19 Prozent, die ganz am Ende auf alles aufgeschlagen wird.
Was bedeutet das im Alltag? Familie Berg wäscht etwa dreimal die Woche. Je nach Temperatur kostet eine Ladung grob 20 bis 40 Cent, übers Jahr also rund 30 bis 50 Euro allein fürs Waschen. Familie Sommer hat zusätzlich einen Trockner, und der schlägt je nach Gerät mit einem halben bis anderthalb Euro pro Lauf zu Buche. An solchen Beträgen sieht man, wo das Geld tatsächlich hingeht, und warum der Preis je Kilowattstunde so eine Rolle spielt.
Damit zur entscheidenden Frage: Wie kommt man an den großen, festen Block heran? Gar nicht, solange man den Strom aus dem Netz bezieht. Aber für jede Kilowattstunde, die man selbst erzeugt und sofort verbraucht, muss man genau diese Kilowattstunde nicht mehr einkaufen. Für diese Strommenge entfallen damit sowohl der Netzbezug als auch der Einkauf des Stroms. Genau hier liegt die Ersparnis. Strom, den Familie Berg auf dem Balkon und Familie Sommer auf dem Dach selbst gewinnt und im selben Moment nutzt, ersetzt teuren Netzstrom durch eigenen. Teilt man die Anschaffung eines einfachen Geräts auf die rund zwanzig Jahre Lebensdauer und die in dieser Zeit erzeugte Strommenge auf, landet man je Kilowattstunde im niedrigen einstelligen bis höchstens unteren zweistelligen Centbereich, also bei einem Bruchteil der 37 Cent aus der Steckdose.
Neben dem Geld gibt es zwei weitere Gründe, beide ohne politischen Beiklang. Wer einen Teil seines Stroms selbst erzeugt, macht sich ein Stück unabhängiger von Preissprüngen und Tarifwechseln. Und als angenehme Nebenwirkung, nicht als Hauptsache, entlastet jede selbst erzeugte Kilowattstunde auch das Klima.
Zwei Einwände kommen an dieser Stelle fast reflexhaft. Zu teuer? Einfache Balkongeräte gibt es inzwischen für wenige Hundert Euro, und die Rechnung von eben zeigt, dass sie sich über die Jahre mehr als tragen. Als Mieterin oder Mieter nicht erlaubt? Auch das stimmt nicht mehr, der Anspruch, ein solches Gerät anzubringen, ist inzwischen gesetzlich verankert.
Bleibt zum Schluss eine Frage, die sich direkt an die 37 Cent anschließt: Wieso kostet dieselbe Kilowattstunde an der Strombörse zeitweise nur wenige Cent, in einzelnen Stunden sogar gar nichts, während auf Ihrer Rechnung der volle Preis steht? Darauf kommen wir zurück, wenn es um die Tarife geht, die solche Schwankungen weitergeben. Im nächsten Teil schauen wir uns aber zuerst den einfachsten Weg an, den festen Block zu umgehen: das Balkonkraftwerk.
Zum Weiterlesen
https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Dossier/netze-und-netzausbau.html
https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Vportal/Energie/PreiseAbschlaege/Tarife-table.html
https://www.adac.de/rund-ums-haus/energie/versorgung/strompreis-zusammensetzung/

